bücherraum f

ein raum - zwei bibliotheken - viele debatten

Jungstrasse 9, 8050 Zürich

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Veranstaltungen

Der bücherraum f ist ein Begegnungszentrum. Umgeben von Büchern bietet sich darin die Möglichkeit, in intensivem Rahmen zu debattieren. Ein breit gefächertes Programm mit Lesungen, Vorträgen und Diskussionen wird sich mit historischen und aktuellen Publikationen und Fragen auseinandersetzen. Der Raum steht aber auch gegen einen Unkostenbeitrag für private Initiativen zur Verfügung. Wer etwas zur Diskussion stellen will, kann das hier in anregender Ambiance tun.


Freitag, 26. April, 19 Uhr

"In der Diskussion"

Volkstribun, Clown oder scharf kalkulierender Machtmensch?
Philipp Löpfe analysiert die bisherigen Auswirkungen des Regimes Trump. Und er stellt zur Debatte, ob man den Rechtspopulisten mit Linkspopulismus schlagen kann. Löpfe ist profilierter Publizist, Kenner der USA und Autor erfolgreicher Sachbücher zu Gesellschaft und ökonomie.

Freitag, 17. Mai, 19 Uhr

"in der Diskussion"
Rhetorik von rechts

Personalisieren, ausgrenzen, abwerten: Wie funktioniert rechter Populismus, und warum ist er so erfolgreich? Franziska Schutzbach analysiert solche Fragen in ihrem im Frühling erschienenen Buch "Die Rhetorik der Rechten". Sie ist Geschlechterforscherin und Soziologin an der Uni Basel, Buchautorin und Bloggerin, feministische Aktivistin und Mutter zweier Kinder.

Mittwoch, 22. Mai, 19 Uhr

Vernissage
Heisse Fäuste im Kalten Krieg

Im August 1957 kam es zum Krawall am Bahnhof Zürich Enge. RückkehrerInnen von den Weltjugendfestspielen in Moskau wurden von aufgeputschten BürgerInnen verprügelt. Rafael Lutz hat die Ausschreitungen im Rahmen des damaligen Antikommunismus aufgearbeitet und stellt sein im Limmat Verlag erscheinendes Buch dazu vor.
Organisiert von Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung und Limmat Verlag

Mittwoch, 5. Juni, 19 Uhr

Isolde Schaad
Der hinkende Giacometti

Fünf Wegstrecken und drei Zwischenhalte mit unkonventionellen Lebensentwürfen. Rasant erzählt Isolde Schaad von den modernen Gangarten in der grossen Kleinstadt. Sie liest und spricht über ihr neustes Werk "Giacometti hinkt". Isolde Schaad hat über ein Dutzend Bücher veröffentlicht, in denen sie Gespräche, Haltungen und Verhalten aufspiesst und zur zeitgenössischen Gesellschaftsanalyse verdichtet, ironisch und humorvoll.

Sonntag, 16. Juni, 14 Uhr

Vierter Zürcher Büchner-Tag
Ein Rundgang

Georg Büchner in Oerlikon: Dazu gibt es Neues zu sagen. Wo der Schriftsteller und Flüchtling bei der Einreise nach Zürich 1836 wirklich die Pferde wechselte. Ob sich sein Friede, den er den Hütten wünschte, im Regina-Kägi-Hof niedergelassen hat. Was Max Bill und Max Frisch weiterhin von Büchner hielten. Ob sich die Rüstungsindustrie in Oerlikon angreifen lässt. Und was es mit den Grafitti am Gewerkschaftshaus auf sich hat.

Freitag, 21. Juni, 19 Uhr

"in der Diskussion"
Ach, diese Religion

Die Linke tut sich schwer mit der Religion, sieht sie zumeist durchs aufgeklärte Bewusstsein überholt. Marx hatte mit dem Bonmot von der Religion als "Opium des Volkes" noch den kreativen Umgang mit sozialen Nöten im Blick. Doch eine linke Religionskritik heisst für Rolf Bossart nicht, Glauben loszuwerden, sondern sich über Herkunft und Funktion des Glaubens Rechenschaft zu geben - auch des eigenen. Bossart ist Theologe, Dozent für Religionswissenschaft und Psychologie sowie Publizist.

Donnerstag, 1. August

Carolyn Kerchof

Rückblick auf die Schweiz

Montag, 9. September

"ausgelesen"

Jo Lang stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Freitag, 4. Oktober

"Hoch die internationale ... "

Urs Sekinger zur Solidaritätsarbeit

Freitag, 25. Oktober

Catherine Aubert Barry

Binationale Familien, Integration und solidarisches Handeln


frühere Veranstaltungen

Montag, 8. April, 19 Uhr

"ausgelesen"
Ueli Mäder stellt Bücher aus der Bibliothek vor

1968 ist vorbei. Was bleibt? fragte Ueli Mäder in seinem letzten Buch. Und jetzt? Wie weiter? Auf der Suche nach Antworten interessieren politisch literarische und biographische Dokumente, die widerständige Ansätze reflektieren. Ueli Mäder ist Soziologe und emeritierter Professor der Universität Basel. Er arbeitet über soziale Ungleichheiten und Konflikte.

Freitag, 22. März, 19 Uhr
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Lesung von Dagmar Schifferli: "Wegen Wersai"

Eine gutbürgerliche Familie Mitte der sechziger Jahre in der Schweiz. Mattmark-Unglück im Wallis, Expo 64, Frankfurter Auschwitz-Prozess. Familienausflüge mit dem Auto oder Sommerferien im Tessin ebenso wie Fremdenfeindlichkeit, repressive Erziehungsmethoden und streng geschützte Familiengeheimnisse. Doch weshalb soll Versailles an allem schuld sein?
Moderation: Madeleine Marti

Als das Wünschen noch nicht ganz geholfen hat

Mattmark ist ein Symbol. Am 30. August 1965 brach der Allalingletscher im Wallis ab und begrub die Barackensiedlung bei der Baustelle zum Mattmark-Staudamm mitsamt 88 Menschen unter dreissig Meter Eis und Geröll. Dagmar Schifferli beschreibt die Katastrophe in ihrem Roman "Wegen Wersai" in den Reaktionen verschiedener ProtagonistInnen.

Denn darin verdichten sich mehrere Aspekte. Das Unglück stand quer zum Fortschrittsoptimismus während der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schweizer Ingenieurskunst erwies sich als nicht unfehlbar, ja, es gab Hinweise auf Korruption. Dazu kam die aufkommende Fremdenfeindlichkeit. Von den 86 Männern und 2 Frauen, die umkamen, waren drei Viertel "Gastarbeiter", Ausländer - das dämpfte das Entsetzen und lenkte die Empörung um, als von italienischer Seite dringlich eine Aufklärung gefordert wurde. Im Figurenensemble des Romans sind solche Verwerfungen unaufdringlich verkörpert. Erzählt wird er aus der Perspektive der zwölfjährigen Katharina. Ihr Vater ist konservativ, selbstgefällig, autoritär, und sie wächst, neben einer Mutter mit Multipler Sklerose, bei einer deutschen Pflegemutter auf. Die ebenso strenge Tantelotte trauert mehr oder weniger insgeheim den schönen Zeiten der deutschen Volksgemeinschaft nach und versteht sich nur als Opfer. Ausländer sind immer die anderen. Aber was bedeutet es, wie Katharina entdeckt, dass ihr Vater und Tantelotte immer ähnliche Geschichten erzählen, wenn die Mutter im Spital ist, und wem gehören wohl die Unterhosen mit Schlitz vorne, die sich in der Wäsche von Tantelotte finden? Katharinas Widerstandsgeist wächst weiter, nachdem sie sich mit einem "Tschinggenbub" befreundet hat, dessen Onkel in Mattmark arbeiten. Ermutigt wird das von ihrer Lehrerin, die zurückhaltend als positive Gegenfigur konzipiert ist.

Dagmar Schifferli hat historische Romane geschrieben, "Anna Pestalozzi-Schulthess. Ihr Leben mit Heinrich Pestalozzi", und noch weiter zurück über Wiborada, die St. Galler Einsiedlerin aus dem 10. Jahrhundert, die als erste Frau von der katholischen Kirche heilig gesprochen wurde. Auch die 1960er-Jahre hat sie minutiös recherchiert. Das ganze Zeitkolorit atmet und riecht. Die Erziehungsmethoden und Lebenssprüche, die Sonntagsausflüge, die hochnäsige Verachtung der Migros - die Kulturgeschichte des Essens schreibt sich ja bis heute weiter: Gerade eben hat eine bekannte Kolumnistin in einer bekannten Zürcher Tageszeitung ihr Innerstes offenbart und erzählt, dass sie erstmals im Restaurant eines anderen Grossverteilers gegessen habe.

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Foto: Freizeitfreunde

Zur Lesung im bücherraum f hatte Dagmar Schifferli eine Bonbondose voller Tiki mitgebracht - eine zwiespältige Delikatesse. Mir wollte diese plötzlich Explosion und Sensation im Mund schon als Kind verdächtig erscheinen, als künstliches Paradies.

Die sechziger Jahre lassen sich als Wendezeit lesen, als die Xenophobie virulent wird, da mehr "Fremde" die Hochkonjunktur befeuern. Zugleich bahnen sich gesellschaftliche Umbrüche an, gegen die der Status quo und die Machtverhältnisse vorerst noch verteidigt werden. Mattmark bleibt ein Skandal. Anzeichen für den Gletscherabbruch waren unübersehbar gewesen, es hatte Warnungen gegeben, der Arbeitsdruck an der Staumauer war enorm, kommerzielle Erwägungen hatten sich gegenüber Sicherheitsbedenken durchgesetzt - und dennoch wurde später keiner der Verantwortlichen gerichtlich verurteilt. Auch die Verbandelung von Bundesrat Roger Bonvin mit der Baubranche wurde kaum aufgearbeitet. Zwanglos lassen sich Parallelen zum Herbst 2011 mit dem Brand im Gotthardtunnel und dem Grounding der Swissair ziehen.

Im Gespräch mit Madeleine Marti und dem Publikum sprach Schifferli über ihre Arbeitsmethode, über die Verquickung von recherchierten Fakten und Imagination. Das Froschmuseum, das sie beschreibt, gibt es und das Internat am selben Ort auch, aber der fiktive Ortsname ermöglicht, dass nicht alles authentisch sein muss und zugespitzt und verdeutlicht werden kann.

Die Abschiebung von Katharina ins Internat und bei Gelegenheit in den dortigen Karzer, in dem schon die bewunderte Tante Lucille eingesperrt worden war, beendet das Buch etwas abrupt und auf einer eher düsteren Note. Das Wünschen konnte offenbar noch nicht helfen.

In der zwanglosen Unterhaltung nach der Lesung stellte sich eine persönliche historische Querverbindung heraus: Der Vater einer der Anwesenden hat als Steinmetz jene Gedenktafel gemeisselt, mit der die Opfer von Mattmark endlich ihre Namen erhielten, neben denjenigen der Katastrophe auch weitere Tote bei früheren Arbeitsunfällen.

sh

Montag, 11. März, 19 Uhr
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"ausgelesen"
Jeannette Fischer stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Jeannette Fischer ist Psychoanalytikerin. Sie kuratierte Ausstellungen und machte Dokumentarfilme für das Fernsehen SRF. Letztes Jahr sind zwei Bücher von ihr erschienen: "Psychoanalytikerin trifft Marina Abramovic" und "Angst - vor ihr müssen wir uns fürchten".

Metaphysik der Kunst

Zuweilen wurde es schon beinahe aufgewühlt an diesem Montag im bücherraum f. Jeannette Fischer hatte als erstes Buch für ihre Präsentation in der Reihe "ausgelesen" einen Band von Paula Modersohn-Becker (1876 - 1907) gewählt. In deren Briefen und Tagebüchern als Teenager und dann als Malerin aus der Künstlerkolonie in Worpswede fand Fischer ein obsessives Verlangen nach Vollkommenheit, das ständig ins Leiden umkippe, ein unkritisches Streben nach Grösse, autoritäres Gehabe, ja, es fiel sogar das f-Wort: faschistoid. Das wollten ZuhörerInnen aus dem Publikum nicht auf der Künstlerin sitzen lassen. Solche Suche nach dem Vollkommenen sei doch zeitbedingt, stehe in der romantischen Tradition, und überhaupt: selbstverständliche Anstrengung des künstlerischen Geistes. Dagegen wollte Fischer präzisieren: Indem die Kunst metaphysisch überhöht werde, entwerte sie zugleich die Wirklichkeit. Der Hass auf alles, was die Grösse verhindere, behindere zugleich den Aufbau realistischer Beziehungsformen.

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Neben ihrer psychoanalytischen Praxis ist Jeannette Fischer vielfältig in künstlerischen Aktionen involviert; letztes Jahr hat sie sowohl einen Band basierend auf Gesprächen mit der Performance-Künstlerin Marina Abramovic wie ein Buch zum Thema "Angst" publiziert. Interessiert ist sie an den Vorstellungen über Kunst, an deren Umsetzungen und Widersprüchen, wie sie sich in Formen und Dynamiken von Beziehungen äussern, generell an "Beziehungsbruchgeschichten".

Die US-Lyrikerin Silvia Plath (1932 - 1963) verübte mit 31 Jahren Suizid, so wie Paula Modersohn-Becker mit 31 Jahren im Kindbett verstorben war. In der Silvia-Plath-Gemeinde gibt es eine Tendenz, ihrem damaligen Mann, dem Lyriker Ted Hughes, eine mehr oder minder grosse Verantwortung für diesen Tod anzulasten. Jeannette Fischer konzentrierte sich dagegen auf die Beziehungsgeschichte zur Mutter Aurelia Schober Plath. Letztere publizierte 1975 Silvias "Letters Home: 1950 - 1963", mit einer langen, persönlichen Einleitung. Darin wird die Tochter zum Genie erhöht, zugleich mit gezielt-unbewussten oder unbewusst-gezielten Bemerkungen immer wieder abgewertet. Silvia Plath selbst war sich, wie Modersohn-Becker, über ihre Berufung schon früh im Klaren, und das wurde wiederum, diesmal von der Mutter, vorangetrieben. Dabei entstand eine "Parentifizierung", eine Umkehrung der Rolle von Elternteil und Kind, da Silvia durch ihre einsetzenden Erfolge ihrer Mutter stellvertretend die Gratifikationen zukommen lassen musste, die normalerweise ein Kind von seinen Eltern erhält. Zumeist schickten sich Mutter und Tochter wöchentlich einen Brief; nur nach der Geburt ihres ersten Kindes musste Silvia ihrer Mutter schneidend schreiben, diese sei wohl so beschäftigt gewesen, die Nachricht der breiteren Welt zu verkünden, dass sie keine Zeit gefunden habe, sich bei Silvia direkt zu melden. Zum Zeitpunkt ihres Selbstmords schien alles bereit für ein erfüllteres Leben, doch war zugleich offensichtlich, dass die Mutter nicht bereit war, ihre Tochter aus der Umklammerung zu lassen.

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Wenn so sich die Generationen im Verfolgen künstlerischen Ruhms ineinander verhakten, verstrickten sich die Surrealisten "traditioneller" im Rollenverhältnis zwischen den Geschlechtern. Die Kunstwissenschaftlerin Xavière Gauthier analysierte 1971 dieses Verhältnis in einem fulminanten Buch "Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit". Misogyne Aperçus lassen sich bei den Surrealisten zuhauf aufspüren, etwa "Ich bearbeite Frauen wie Brotteig. " Nicht die selbstständige Frau war das Ziel ihrer vordergründigen Verehrung des Weiblichen, sondern die Kindfrau. Auch die beschworene androgyne Verschmelzung der Geschlechter diente vor allem der Anreicherung des männlichen Ichs. So wurden die Frauen selbst abgewertet und durchgestrichen.

Als Beispiel führte Fischer Leonora Carrington (1917 - 2011) an, die als Malerin, Bildhauerin und Schriftstellerin in surrealistischen Kreisen aktiv war, etwa durch den Erzählband "Die ovale Dame" (1939) mit seinem magischen Realismus und durch den Bericht "Unten" (1940) über ihren psychotischen Zusammenbruch und den mehrmonatigen Aufenthalt in einem Sanatorium nach der Flucht aus dem von den Nazis besetzten Frankreich. Geschrieben wurden die beiden Bücher teilweise während der Beziehung zu dem viele Jahre älteren Max Ernst, und sie sind durchzogen von Allmachts- und zugleich Ohnmachtsfantasien. - Wie die nebenstehenden Ausleihzettel zeigen, wurden die Bücher Ende der 1980er-Jahre bei Schema f recht häufig bezogen.

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Eine Gemeinsamkeit dieser Fallstudien sah Fischer in der sozialen Herkunft der KünstlerInnen, die ihre künstlerischen Träume nicht zuletzt durch das Geld der Väter oder Ehemänner finanzieren konnten. Dazu wurde freilich aus dem Publikum angemahnt, man müsse diese Konstruktionen wiederum aus dem sozialen Milieu heraus verstehen: Die künstlerische Berufung sei für Frauen ein ebenso glänzender wie gefährdeter Weg gewesen, da andere Karrieren versperrt waren.

Worauf die Diskussion nochmals zum Beginn zurückkehrte. Was den Vorwurf des Autoritären betrifft, so kann er weniger die konkreten Inhalte treffen, die durchaus gegen herrschende Autoritäten ins Feld geführt wurden, sondern womöglich die Form - inwiefern in dieser Metaphysik der Kunst, von der Heil und Erlösung erwartet wurden, nicht eine Unterwerfungsstruktur vertreten wurde. Zweifellos grenzt sich Ausrichtung auf das Eigene, Aparte, Besondere von den anderen, vom Gewöhnlichen und von der Masse ab. Ob damit die moralische Abwertung der andern und der Gemeinschaft folgt, blieb umstritten; wobei man sich als anzustrebendes Gegenbild auf den intersubjektiven Diskurs verständigen konnte.

Dem Vernehmen nach setzten sich die Diskussionen noch in der Beiz fort. Was wollen Bücher und der bücherraum f mehr?

sh

Donnerstag, 7. März, 19 Uhr
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"In der Diskussion": Wohnbaugenossenschaften

Wie Wohnen in Zürich? Wohnungsnot, Ersatzneubau und Umnutzung geben heftig zu reden. Was können und sollen da die Wohnbaugenossenschaften leisten? Darüber diskutieren Alfons Sonderegger, zwanzig Jahre lang Präsident der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) im Friesenberg, und Christian Häberli, Mitglied der neuen Genossenschaft Grubenacker in Seebach.

Wohn-Nöte

Wohnen müssen wir alle, und deshalb können wir auch alle aus eigener Erfahrung und Betroffenheit mitreden, wenn es um die Zürcher Wohnsituation geht. So entwickelte sich im bücherraum f am 7. März eine lebhafte Debatte zum Thema Wohnbaugenossenschaften.

Die Veranstaltung eröffnete die neue Reihe "in der diskussion" zu aktuellen Themen. Und die Wohnfrage ist aktuell, ja brennend. Können Wohnbaugenossenschaften die nötige Verdichtung, Umnutzung und ökologische Erneuerung garantieren? Wo sie doch selbst in die Kritik geraten sind, weil sie angeblich nur für ihre eigene Klientel schauen?

Darüber sprachen und diskutierten Alfons Sonderegger, langjähriger Präsident der Familienheim-Genossenschaft im Friesenberg, und Christian Häberli, Gründungsmitglied der neuen Wohnbaugenossenschaft Grubenacker in Seebach.

Alfons Sonderegger lieferte einleitend ein paar grundsätzliche Informationen zu Wohnbaugenossenschaften. Nur vier Prozent allen Wohnraums wird in der Schweiz genossenschaftlich verwaltet, wobei die Städte Zürich und Biel mit 18 Prozent herausstechen. 2011 entschied das Zürcher Stimmvolk, bis 2050 solle der Anteil genossenschaftlicher und gemeinnütziger Wohnungen und Häuser von rund 25 Prozent auf einen Drittel steigen. Genossenschaften haben sich dabei an die strikt geregelte Kostenmiete zu halten, dürfen also nur anfallende Kapital- und Unterhaltskosten verrechnen. Gewinn dürfen sie keinen erzielen, und wenn sie auf einen Nebenverdienst durch Landverkäufe spekulieren, dann braucht es dafür zumeist eine Zweidrittelmehrheit aller Genossenschaftsmitglieder.

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Die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) wurde 1924 gegründet, am Rande Zürichs als so genannte Gartenstadt nach dem Vorbild der englischen Reformbewegung um 1900, die Arbeiterfamilien aus den Slums der Industriestädte ein erschwingliches Wohnen ermöglichen wollte. Die FGZ wuchs anfänglich langsam, ist mittlerweile mit 2300 Wohnungen aber eine der grössten in der Schweiz. Sie ist eine Mitgliedergenossenschaft, das heisst alle Mitglieder sind zugleich Mieter. Und sie ist eine Siedlungsgenossenschaft, weil ihre Bauten konzentriert am Friesenberg sind. Von den 11000 Quartiersmitgliedern wohnt etwas mehr als die Hälfte in der Genossenschaft.

Im Rahmen der städtischen Verdichtung plant die FGZ in einem mit der Stadt erarbeiteten Masterplan einen Ausbau auf 2800 bis 2900 Wohneinheiten. Betroffen wäre auch die Gründungssiedlung mit insgesamt 144 Einfamilienhäusern und Wohnungen aus den Jahren 1925 bis 1928. Deren Renovation käme so teuer, dass die neuen Mieten das bisherige Mietgefüge der Genossenschaft sprengen würden. Deshalb ist mittelfristig ein Ersatzneubau geplant, der fast doppelt so viele günstigere Wohnungen erlaubt.

Vorbild für die Verdichtung ist die FGZ-Siedlung Grünmatt, die 2012 bis 2014 bezogen wurde. Anstelle von 64 Reihenhäusern gibt es dort jetzt 155 Wohneinheiten mit 500 statt 200 BewohnerInnen.

Die Pläne für den Ersatz der Gründungssiedlung haben die FGZ in ein eher unliebsames mediales Rampenlicht gerückt. Es gibt eine interne Opposition, und der Heimatschutz erhob Rekurs gegen den Stadtratsbeschluss, die Siedlung nicht unter Schutz zu stellen. Der Rekurs wurde vom Baurekursgericht abgelehnt, doch ist er kürzlich, im Januar, vom Verwaltungsgericht gestützt worden. Dagegen will die FGZ nun ihrerseits zusammen mit der Stadt ans Bundesgericht gelangen, um abklären zu lassen, ob das heimatschützerische Interesse dasjenige an baulicher Erneuerung, Verdichtung und preisgünstigen Wohnungen überwiege.

Scheinbar von der entgegen gesetzten Ausgangslage her kommt Christian Häberli. Er wohnt nämlich in einem Einfamilienhaus in Seebach, und gleich vis-à-vis plant die Stadt die grosse überbauung Thurgauerstrasse West.

Wo jetzt Schrebergärten und ein Parkplatz stehen, soll die grösste städtische Baureserve für drei Hochhäuser und mehrere Querbauten genützt werden, die rund 2000 Menschen Platz böten. Die jetzigen Einfamilienhäuser würden dadurch schroff überragt. Die Neuüberbauung soll eine Ausnützungsziffer von gegen 300 Prozent aufweisen; und gleich vor deren Haustür würde es locker bebaut bei rund 30 Prozent bleiben.

Dagegen hat sich zunächst die Interessengemeinschaft Grubenacker gebildet, um die Stadt zum überdenken der grandiosen Pläne zu veranlassen. Sollen damit bloss die eigenen Pfründe verteidigt werden? Nein, denn es geht den HausbesitzerInnen nicht (nur) um die Bewahrung ihrer eigenen Lebensqualität, sondern um eine stärker durchmischte, zukunftsträchtige Planung der Nachbarschaft.

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Gefordert werden mehr Ideen, nicht einfach grosse Wohnklötze, gefordert wird eine ganzheitliche Planung für das ganze Gebiet. Offeriert wird auch der Einbezug der eigenen privaten Grundstücke. Zu diesem Zweck ist kürzlich die Wohnbaugenossenschaft Grubenacker gegründet worden, mit der die EigenheimbesitzerInnen ihre Grundstücke zusammenschliessen wollen, um prospektiv das so geschaffene Gebiet gemeinsam zu entwickeln.

Gefordert werden mehr Ideen, nicht einfach grosse Wohnklötze, gefordert wird eine ganzheitliche Planung für das ganze Gebiet. Offeriert wird auch der Einbezug der eigenen privaten Grundstücke. Zu diesem Zweck ist kürzlich die Wohnbaugenossenschaft Grubenacker gegründet worden, mit der die EigenheimbesitzerInnen ihre Grundstücke zusammenschliessen wollen, um prospektiv das so geschaffene Gebiet gemeinsam zu entwickeln.

Deshalb wird auch die Zusammenarbeit mit dem Projekt NeNa1 "Neustart Nachbarschaft die Erste" gesucht, das auch schon alternative Ideen zur überbauung Thurgauerstrasse West formuliert hat, und deshalb hat der Urbanist Hans Widmer alias P.M. für den Grubenacker fürs Jahr 2040 einen seiner hübschen Pläne gezeichnet, mit viel Grün und bunten Nachbarschaften, in dem die Thurgauerstrasse überbrückt und der Grubenacker ans Leutschenbach angebunden wird.

Denn im Grundsatz wollen Häberli und Sonderegger das selbe: eine vernünftige Verdichtung. Auf etliche Nachfragen erläuterte Sonderegger die sozialen Massnahmen (Richtquoten, Verdienstausgleich, Zügelfristen) und ökologischen Anstrengungen der FGZ. Und er beschrieb die Mühen der Ebenen, rigide behördliche Vorgaben pragmatisch umzusetzen.

Häberli seinerseits beschrieb die Mühen der Ebenen, überhaupt in den Planungsprozess einbezogen zu werden. Das habe sich in den letzten Monaten gebessert, aber es verlange viel Einsatz, die zuweilen von Behördenseite unter- und gering geschätzt wird.

Wie weiter? Unbestritten ist, dass neuere Genossenschaften auf höheres Eigenkapital und damit höhere Genossenschaftsbeiträge angewiesen sind, weil Hypotheken nicht mehr so freigiebig fliessen. Auch wenn man nicht der Anti-Genossenschafts-Kampagne der NZZ aufsitzen sollte, bleibt doch die Frage legitim, ob die neuen Wohnbauinitiativen nicht vorrangig eine mittelständische Klientel ansprechen und die soziale Durchmischung der bisherigen Genossenschaften nicht erreichen.

Gemässigt kontrovers beurteilt wurden einzelne Massnahmen: Wenn die Stadt Bauland zu heutigen Marktpreisen aufkauft, heizt sie dann die Bodenspekulation an, oder entzieht sie das Land zumindest der künftigen Spekulation? Als grundsätzliches Manko allerdings ergab sich: Es existiert keine übergeordnete Planung. Der Gestaltungsplan als erste Stufe der öffentlichen Diskussion gibt schon zu detaillierte Vorgaben, erschwert übergreifende Konzepte und alternative Ideen. Die Nutzungsplanung über das gesamte Areal der FGZ im Friesenberg geht da laut Sonderegger zumindest in die richtige Richtung. Im Fall der Thurgauerstrasse hingegen bedroht der vorliegende Gestaltungsplan das Entstehen einer vielfältigen urbanen Wohnlandschaft und letztlich auch die Realisierung zusätzlicher kostengünstiger Wohneinheiten. An diesem Beispiel wird laut Häberli deutlich, dass die bisherigen Planungsinstrumente nicht tauglich sind für die innere Verdichtung im städtischen Raum.

Wenn beide Formen der vorgestellten Genossenschaften sich um eine übergeordnete Planung bemühen, so stösst eine solche aber vielfach auch an die Grenzen des geltenden Bodenrechts.

sh

Freitag, 22. Februar, 19 Uhr
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Monika Wicki: Robert Grimm in Oerlikon
Revolutionäre Aufbrüche

Gleich um die Ecke vom bücherraum f hat Robert Grimm seine Lehre abgeschlossen. Der Gewerkschafter und Landesstreikführer ist vielfältig mit der Oerlikoner Industriegeschichte verknüpft. Monika Wicki, Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, erzählt aus einem kämpferischen Leben.

Die Lehrwerkstätte lag gleich um die Ecke vom bücherraum f: Dort, wo jetzt der Binzgarten wirtschaftet, stand einst die Buchdruckerei Meier. In ihr absolvierte Robert Grimm vom Mai 1897 bis in den Mai 1899 seine Lehre. Grimm war 1881 in Wald in einer Arbeiterfamilie geboren, ein aufgeweckter, redseliger Knabe. Er sollte auch in der Fabrik arbeiten gehen, doch als er knapp sechzehn Jahre alt war, finanzierte ihm die Schwester Albertine ein Inserat in einer Zürcher Tageszeitung, in dem für einen willigen, einsatzbereiten Jungen eine Lehrstelle gegen eine moderate Entlöhnung gesucht wurde. Buchdrucker Meier stellte ihn auf den Mai 1897 ein; seine Druckerei befand sich an der Affolternstrasse 8 in Oerlikon. Dem städtischen Meldeschein lässt sich entnehmen, dass der junge Robert im Verlauf der zweijährigen Lehre an verschiedenen Stellen in der Nähe des Wohnsitzes seines Arbeitgebers in Fluntern zur Untermiete wohnte. Der führte auch ein Restaurant, wo Grimm gelegentlich aushalf.

Monika Wicki, Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, veranschaulichte diese Anfänge des späteren Sozialisten und Generalstreikführers mit vielen Bildern in einem lebhaften Vortrag im bücherraum f. In der Druckerei Meier wurden unter anderem die Lokalzeitungen "Echo vom Zürichberg" und "Limmat" gedruckt, und Wicki machte mit Ausschnitten daraus das geschichtliche Umfeld deutlich, das Grimm antraf, etwa einen Auftritt von SP-Gründer Herman Greulich im Gemeinderat, aktuelle Bauvorhaben in der schnell wachsenden Gemeinde oder Debatten zum Ausbau der gemeinnützigen Krankenpflege.

Anhand von zeitgenössischen Fotografien wurde auch die Strecke abgeschritten, die Grimm von Fluntern in die Druckerei womöglich benützt hatte. Oerlikon hatte sich 1872 von der Munizipalgemeinde Schwamendingen, der es seit 1799 angehört hatte, selbstständig gemacht und war im industriellen Aufschwung begriffen, gefördert durch den 1855 begonnenen Bau der Nordostbahn. Die 1876 gegründete Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) begann ihre rasante Erfolgsgeschichte, als sie 1884 auf die neue Elektrotechnik setzte. Die Fotografien zeigten, bei beinahe idyllischer Ausgangslage, diesen rasanten Umbruch ansatzweise. Etliche der lokal ansässigen Anwesenden konnten bei der genaueren Verortung mithelfen. Hier wäre Grimm rechterhand an der Kirche vorbeigekommen, und dieser bescheidene Bahnübergang musste wohl die heutige Regensbergbrücke sein. Die Affolternstrasse, an der die Buchdruckerei Meier gestanden hatte, ist ja mit dem Umbau des Bahnhofs vor ein paar Jahren ein wenig nach Nordwesten gerückt.

Insbesondere Bahn und Strassenbahn veränderten um 1900 das lokale Verkehrsnetz und die Bebauung. Kurz nach dem Lehrantritt von Robert Grimm wurden die ersten Tramschienen gelegt. Die Strassenbahn war ein Privatunternehmen, die MFO hatte auf Antrag die Genehmigung für eine eigene Linie bekommen, und die AG "Strassenbahn Zürich-Oerlikon-Seebach" ZOS nahm im Oktober 1897 den Betrieb auf. Weil die Schweizerische Nordostbahn aus Konkurrenzgründen das Kreuzen ihrer Geleise durch Passagiertrams untersagte, führte die ZOS die Tramzüge anfänglich vom Zürcher Central bis zum Bahnhof Oerlikon, wo die Passagiere nach Seebach ausstiegen, den Bahnübergang zu Fuss überquerten und auf der anderen Seite in ein bereitstehendes Tram stiegen, das sie nach Seebach brachte. Restaurant und Hotel Sternen, im Februar 1897 im alten Teil des Quartiers eröffnet, hatte Grimm wohl auch gekannt. Gegenüber der Buchdruckerei, an der Affolternstrasse 9, stand das Restaurant Heimat, in das sich später die 1903 gegründete Oerlikoner Sektion des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands SMUV mit Sekretariat und Versammlungslokal einmietete.

In der Druckerei begann Grimm, wie er selbst angemerkt hat, zu schreiben. Handfeste Belege liegen nicht vor, da die Beiträge in den Lokalzeitungen nicht namentlich gezeichnet wurden, aber Wicki präsentierte in konjektureller Geschichtsschreibung einige zeitgenössische Texte, die er womöglich hätte verfassen können, etwa über den Herbstmarkt in seiner Heimatgemeinde Wald, den er vielleicht im Oktober 1897 besucht hatte, oder über die Kantonsratswahlen 1899. Es sind funktionale Texte, und darin lässt sich noch nichts vom späteren rhetorischen Feuer von Grimm erkennen.

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Im Mai 1899 schloss Robert Grimm seine Lehre ab und trat die erste Stelle in Horgen bei der Buchdruckerei Schläpfer an.

Ein Jahr später startete er zu den berufsüblichen Wanderjahren. Wicki zeigte die beträchtlichen Distanzen die damals zurückgelegt wurden, zum Schluss, im August 1902 waren es von Triest her wohl 700 Kilometer in zwanzig Tagen: Eine Fotografie zeigt einen entsprechend abgekämpften Wandergesellen Grimm. Mehrfach engagierte er sich danach in Arbeitskämpfen und wurde 1905 auf eine schwarze Liste gesetzt. Jetzt wird er Gewerkschaftsfunktionär, und damit beginnt eine Karriere, die ihn zu einem der bekanntesten europäischen Arbeiterführer macht. Bekannt wird er zuerst in Bern, in Zusammenarbeit mit den radikaleren Zürchern, auf deren Liste er 1911 in den Nationalrat gewählt wird. Seine internationale Bedeutung erringt er als Kriegsgegner, der 1915 und 1916 die Konferenzen der europäischen KriegsgegnerInnen in Zimmerwald und Kiental organisiert. Auf dem Teilnahmeblatt findet sich sein Name unter anderem neben denen von Lenin, Trotzki, Karl Radek, Georg Ledebour und Henriette Roland Holst. Es sind Friedenskonferenzen, wie Monika Wicki betont, obwohl diejenige von Kiental ein radikaleres gesellschaftspolitisches Manifest verabschiedet. Denn Grimm, Zeit seines Lebens Marxist, distanziert sich schon bald von der kommunistischen Bewegung.

Wicki streifte beiläufig auch die zeitgenössisch eher patriarchale Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, die Grimms erste Ehe mit Rosa Reichesberg scheitern liess. Wir verliessen Grimm noch vor seiner Rolle bei dem letztes Jahr umfänglich gewürdigten Generalstreik mit einer raschen Auflistung seiner zahlreichen späteren Funktionen und ämter. Es war eine vergnügliche Geschichtsstunde, mit aktuellen politischen wie auch lokalen städtebaulichen Bezügen.

sh

Weitere Informationen:Robert-Grimm-Gesellschaft

Fotografien: Städtebauliches Archiv, Verein Ortsgeschichte Seebach, Monika Wicki

Mo, 18. Februar, 19 Uhr
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"ausgelesen"
Melinda Nadj Abonji stellt Bücher aus der Bibliothek vor
Unbedingtheit des Sprechens

Melinda Nadj Abonji schreibt Romane und Essays, performt Texte, spielt Geige und singt. Sie ist Trägerin des Deutschen und des Schweizer Buchpreises sowie weiterer Auszeichnungen. Aufgewachsen ist sie im jugoslawischen Bečej in der Vojvodina, heute lebt sie in Zürich.

Die Eroberung des Lesens: Eindringlich schilderte Melinda Nadj Abonji zur Einführung ins "ausgelesen" das Aufwachsen in einer Familie, in der nur ein einziges Buch, die Bibel, vorhanden war, und wie sich ihr durch die Bücher aus der lokalen Bibliothek neue Lese- und Lebensräume aufgetan hatten. Die Veranstaltung am 18. Februar im bücherraum f nahm sie zum Anlass, nicht etwa über Bücher zu berichten, die sie gut kannte, sondern sich AutorInnen und Bücher neu einzuverleiben, die sie schon lange hatte lesen wollen, aufgrund eines Eindrucks oder eines Zitats, das sie länger oder kürzer mit sich herumgetragen hatte. Da war zuerst Marlen Haushofer, samt einem Exkurs zu Marieluise Fleisser, dazu gesellten sich Ernst Bloch, Rosa Luxemburg und Albert Camus. Bemerkenswerterweise also etliche Texte von TheoretikerInnen, die aber ins Literarische hinüberschillern. Im Mittelpunkt von Nadj Abonjis Faszination durch diese AutorInnen steht denn auch die Sprache, die sich dem Herkömmlichen entzieht.

Wo wäre Zuhausesein? Die lange vergessene österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920-1970) handelt in ihrem Roman "Die Mansarde" (1969) über die soziale Ort- und Heimatlosigkeit. "Aber ich weiss, dass ich lieber hier nicht zu Hause bin als anderswo. Das ist vielleicht schon ein grosses Glück." So fasst die Ich-Erzählerin angesichts der Zwänge von Familien- und Geschlechterrollen die Frage nach dem kleinen oder grossen oder erträglichen Glück zusammen. Zur Kunst werde dies durch die Unbedingtheit des Sprechens, durch eine intensiv bearbeitete und geformte Sprache, die tönt und klingt.

Wenn Ernst Bloch das Noch-Nicht des erfüllten Daseins suchte, war er ebenfalls auf eine eigentümliche, leuchtende Sprache verwiesen. Als genauer Beobachter der Alltagskultur analysierte er in "Wut und Lachlust" aus "Erbschaft dieser Zeit" (1935) die Tanzmarathons in den wilden dreissiger Jahren, die etwa im Film "They Shoot Horses, Don’t They?" von Sydney Pollack (1969) in einem anderen Medium dargestellt wurden und die in "Big Brother" und weiteren Entblössungssendungen weiter getrieben worden sind. Dabei ergab sich ein Anknüpfungspunkt an die Ernst-Bloch-Veranstaltung vom 11. Februar im bücherraum f, bei der Beat Dietschy ebenfalls "Erbschaft dieser Zeit" als eines der aktuellsten Bücher von Bloch bezeichnet hatte.

Von Rosa Luxemburg präsentierte Nadj Abonji eine Briefausgabe, die selbst eine Geschichte erzählt: "Briefe an Freunde" wurde 1950 "nach dem von Luise Kautsky fertiggestellten Manuskript herausgegeben von Benedikt Kautsky" erstmals in der Europäischen Verlagsanstalt publiziert. In den bücherraum gelangte das Buch, wie ein handschriftlicher Vermerk zeigt, weil es als Doublette ausgeschieden und antiquarisch für zehn Franken erworben worden war. In Luxemburgs Briefen etwa an Hans Diefenbach zeigt sich besonders eindrücklich, wie weit sie ihre Interessen und Kenntnisse spannte, wenn sie von der zärtlichen Beobachtung von Hummeln zur gestrengen Auseinandersetzung mit Literatur wanderte, und es zeigt sich ihr humaner Enthusiasmus, der noch im Gefängnis nicht die Hoffnung verlor, dass der Mensch gut und die Gesellschaft veränderbar sei. Dabei muss man sich aktuell gegen eine Geschichtsvergessenheit wehren, wenn Luxemburg wieder ins Nichts verdrängt werden soll.

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In Albert Camus’ "Der Mensch in der Revolte" (1951) interessierte Nadj Abonji insbesondere die Definition jener Kunst, die den Herrschaftsanspruch der Wirklichkeit nicht dulden will und doch auf diese angewiesen bleibt. Mit der damit angeschlagenen Revolte verwies sie auf aktuelle Demonstrationen, von den Gilets jaunes über Novi Sad bis zum Klimastreik. Eine untergründige Gemeinsamkeit der ausgewählten Werke ergab sich durch die Betonung der Utopie und der Hoffnung auf die durch die Revolte ermöglichte Veränderung.

Die anschliessenden lebhaften Fragen aus dem angenehm gefüllten bücherraum zielten auf weitere Auskünfte der Autorin: Wie sie vom Lesen zum Schreiben gekommen sei, oder wo sie Parallelen oder Abgrenzungen gegenüber anderen zeitgenössischen AutorInnen und literarischen Gattungen wie dem Kriminalroman ziehe.

Zu Beginn hatte Melinda Nadj Abonji eine Anekdote angeführt, wonach sie im Kindergarten, des Deutschen noch kaum mächtig, beim "Schneewittchen"-Schultheater zu einem Tannenbaum ausgestattet worden sei - gut gemeint gegenüber dem Kind, aber dieses in der Sprachlosigkeit belassend. Eine Zuhörerin sah sich dadurch auf ein ähnliches Erlebnis mit ihrem eigenen Sohn verwiesen und bekannte, mit etwas Scham, dass sie damals die Integrationsabsicht höher als die Ausgrenzung bewertet habe. So ergab sich ein Dialog über die Zeiten hinweg.

In seiner hilfreichen Einleitung hatte Jonathan Pärli einem Originaltext von Melinda Nadj Abonji aus ihrem jüngsten Buch "Schildkrötensoldat" das Prädikat verliehen: anspruchsvoll, aber lohnend. Das galt treffend auch für ihre Ausführungen. Geradezu epigrammatisch zugespitzte Sätze liessen sich notieren, etwa "Wenn ich zeitungsmüde bin, lese ich Ernst Bloch." Dass sie allerdings gesagt haben soll, "Am schönsten ist es, ein Buch an einem Tag zu essen", mag einem Wunsch des Berichterstatters entspringen. In einer Zuschrift meint jedenfalls Klaus V.: "Ich finde eure Formel, dass ein Autor, eine Autorin über Bücher von anderen spricht und daraus liest, interessanter als die klassischen Lesungen. Ich erfuhr mehr über Nadj Abonji und ihr Schreiben, als wenn sie einfach aus ihrem Werk vorgelesen hätte."

sh

Mo, 11. Februar, 19 Uhr
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Beat Dietschy: Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen

Der Philosoph Ernst Bloch hat gegensätzliche Erfahrungen mit der Schweiz gemacht. Im ersten Weltkrieg schlugen ihn Freunde als Kriegsgegner zum Ehrenbürger von Interlaken vor - 1934 in Zürich im Exil, wo sein Buch "Erbschaft dieser Zeit" erschien, wurde er von der Fremdenpolizei ausgewiesen. Beat Dietschy war Mitarbeiter Blochs in Tübingen und ist Mitherausgeber des "Bloch-Wörterbuchs".

Zweimal musste der Philosoph Ernst Bloch ins Schweizer Exil, 1917/18 und 1933/34. Schon zuvor hatte es Anknüpfungspunkte zur Schweiz gegeben, und subkutan lassen sich Ausläufer in seiner Philosophie feststellen. Beat Dietschy, in den siebziger Jahren letzter persönlicher Mitarbeiter Blochs in Tübingen, referierte darüber ebenso unterhaltsam wie kenntnisreich am 11. Februar im bücherraum f.

Dietschy hatte den ihm eher spielerisch vorgesetzten Titel "Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen" zum Anlass für eine weit reichende Recherche zur Beziehung von Ernst Bloch zur Schweiz sowohl in lebensgeschichtlichen Anekdoten wie in der philosophischen Auseinandersetzung mit dem "Prinzip Schweiz" genommen. Ausgebildeter Theologe und Philosoph, ist Dietschy lange Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit und als Journalist tätig gewesen, in produktiver Verbindung von Theorie und Praxis. Acht Bücher von ihm verfasst oder mit Beiträgen von ihm finden sich im bücherraum f, seine Dissertation "Gebrochene Gegenwart" zu Bloch, Artikel im "Vorschein", den Jahrbüchern der Ernst-Bloch-Assoziation, ebenso wie das von ihm mit herausgegebene magistrale "Bloch-Wörterbuch". Auch das andere Interessens- und Arbeitsgebiet der kritischen Theologie ist vertreten: "Ist unser Gott auch euer Gott?" mit vielen Gesprächen über Kolonialismus und Befreiung und der zusammen mit Annette Dietschy herausgegebene Band "Kein Raum für Gnade? Weltwirtschaft und christlicher Glaube", der Impulse aus vier Kontinenten versammelt. Das Werk von Ernst Bloch selbst darf unter dem Stichwort Kritischer Marxismus durchaus als ein Schwerpunkt der Politisch-philosophischen Bibliothek f gelten - von ihm finden sich nicht weniger als 110 Laufzentimeter sowie 35 Zentimeter Sekundärliteratur. Stöbern lohnt sich.

Der früh selbstbewusst in sich ruhende und zugleich umfassend neugierig auf die Welt zugehende Bloch war, wie Dietschy belegte, jeweils schnell in ein vielfältiges Beziehungsgeflecht eingebunden. Ab 1917, in Bern, Thun und Interlaken ansässig, schrieb er für "Die Freie Zeitung" unter Pseudonym über hundert Artikel. Die zweimal in der Woche in Bern erscheinende Zeitung mit dem Untertitel "Unabhängiges Organ für demokratische Politik" wurde publizistisch wesentlich vom Ex-Dadaisten Hugo Ball geprägt und setzte sich gegen den preussischen Militarismus und den Weltkrieg ein - unterstützt wurde sie übrigens vom pazifistischen Schokoladefabrikanten Theodor Tobler, so dass sich in vielen Ausgaben Inserate für die 1908 patentierte Toblerone finden. Bloch selbst erhielt zuweilen Geld durch den zum Kriegsgegner gewordenen ehemaligen Krupp-Direktor Wilhelm Muehlon, was ihm erlaubte, sein erstes grosses Werk "Geist der Utopie" zu beenden. 1918 befreundete sich Bloch mit dem ihm in manchem wesenverwandten Walter Benjamin, der damals in Bern dissertierte. Freunde schlugen Bloch als Ehrenbürger von Interlaken vor, um so eine Einbürgerung zu erleichtern. Doch als in Deutschland die Novemberrevolution begann, sah er dazu keine Notwendigkeit mehr, da er hoffte, ein neues Zeitalter breche an, wenn sich andere Länder die Schweiz als Bundesgenossenschaft als ein Vorbild nähmen und so etwas wie eine Weltschweiz entstünde.

Dass ihm die Schweiz auch 1933 ein Asyl bot, hat er ihr nie vergessen, obwohl der zweite Aufenthalt bitter endete. Vorübergehend wohnte er mit seiner Frau Karola in der Nähe an der Zollikerstrasse in Tiefenbrunnen bei Hans Mühlestein, einer heftig glühenden Gestalt des Schweizer Kulturlebens, dessen "Grosser Schweizerischer Bauernkrieg" von 1942 in Einigem von Blochs "Thomas Müntzer als Theologe der Revolution" profitiert haben mag. Blochs "Erbschaft dieser Zeit" erschien 1935 in Zürich bei Hans Oprecht, als Bloch wegen seiner publizistischen Tätigkeit schon des Landes verwiesen worden und via Italien nach Wien gereist war. Im gleichen Jahr publizierte Mühlestein einen Roman "Aurora" (1935); knapp zehn Jahre später wurde unter dem Namen Aurora als Synonym für die politische Morgenröte in New York ein Exil-Verlag gegründet, in dem Bloch 1946 sein Buch "Freiheit und Ordnung" veröffentlichte.

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Sichtbar wurde, gerade aus Dietschys persönlicher Kenntnis, Blochs imposante, zuweilen widersprüchliche Persönlichkeit. Den nie anwesenden, dennoch rettenden Augenblick mit seiner messianischen Verheissung suchte er durchaus auch in seinen Beziehungen zu Frauen. Dietschy warf denn auch Seitenblicke auf Blochs Ehefrauen, die Bildhauerin Else von Stritzky und Karola Bloch, née Piotrowska. Oder auch auf die etwa im Umkreis der "Neuen Wege" tätige Publizistin Margarete Susman. Da zeigte sich, leicht ironisch gesehen, eine gewisse behäbige patriarchale Selbstverständlichkeit. Zugleich war Bloch unendlich interessiert an Spuren des Ausbruchs, der Bewegung, des Aufbruchs. Diese Neugier stellte ihn 1968 entschieden an die Seite der antiautoritären Bewegung.

Dietschy vermochte die Anwesenden eine Stunde lang in Bann zu halten, gefolgt von Fragen und Interventionen, über Blochs Beziehung zu ausserdeutscher Philosophie, über das Verhältnis zur Sowjetunion, über Aktualität und Nachwirkung. Hübsch anekdotisch erläuterte er Blochs lässlichen Umgang mit Zitatquellen - ein apokrypher "Pseudoaristoteles" hat es sogar in den Ergänzungsband der Gesamtausgabe geschafft. Die Aktualität sieht Dietschy etwa in der "Erbschaft dieser Zeit" als einer nicht ökonomistischen Faschismusstudie, mit Vorgriffen zur Analyse des Populismus in Alltag und Medien. Die Optik auf die konkrete Schweiz mag ein wenig nostalgisch gefärbt gewesen sein, aber Bloch hatte, wie Dietschy betonte, ein Gespür für das Genossenschaftliche, die Commons, das Gemeinwohl - da fand sich einiges utopisches, vorscheinendes Material in der Schweiz.

"Ernst Bloch hätte Freude gehabt an diesem Bücherraum, zumal sie neben seinen Werken auch Agatha Christie in Hülle und Fülle enthält. Nur Karl May fehlt noch ...", hat Beat Dietschy in unser Gästebuch geschrieben. Was uns natürlich freut.

sh

Mo, 28. Januar, 19 Uhr
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Monika Stocker: Zürich von unten. Geschichte und Geschichten

Zürich, die reiche schöne Stadt hat eine Unterseite: Armut, schräge Biografien, Drogen und Sucht Monika Stocker war während vieler Jahre "Mittendrin" - im gleichnamigen Buch erzählt sie Geschichte und Geschichten aus fünf Jahrzehnten Sozialarbeit.

Zwischen Aufbruch und Abbruch

Sie hat viel zu erzählen - 50 Jahre war Monika Stocker in der Sozialarbeit tätig, theoretisch, praktisch und politisch. Im bücherraum f präsentierte sie am 28. Januar vor gut gefüllten Reihen ein paar Ausschnitte aus diesem halben Jahrhundert, zum Teil frei extemporiert, zum Teil aus "Mittendrin" vorgetragen, ihrem jüngsten Buch, in einer Mischung von Anekdoten und Reflexionen, lebhaft, anschaulich, gut in den Zeitgeist eingebettet.

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Dem Aufbruch von 68 rechnet sie sich zu, als das Wünschen noch stark war und zuweilen geholfen hat. In mehreren Bewegungen war sie aktiv, in der Frauen- und Friedensbewegung, später in der ökobewegung, für sie auch in die Parteipolitik einstieg: 1987 wurde Monika Stocker Nationalrätin der Grünen, als die sie 1991 die erste Frauensession initiierte. 1994 dann der Sprung ins Exekutivamt, als Sozialvorsteherin der Stadt Zürich, sofort mit dem Drogenproblem konfrontiert. Angesichts der zunehmenden Verelendung der offenen Drogenszene waren in Zürich fortschrittliche Ansätze erprobt worden, doch blieb die Politik immer im Spannungsfeld zwischen Liberalisierung bzw. Legalisierung und Repression. Drastisch schilderte Monika Stocker, wie man am Zürcher Letten mit Baggern Müll und Dreck wegräumte, um den Abhängigen ein paar Wochen lang einen weniger schmutzigen überlebenskampf zu ermöglichen. Und der Staat sah sich in den Kampf der Drogendealer verwickelt. Nach dem Tod mehrerer Kleinhändler hatten die libanesischen Händler einen Boykott ausgerufen, mit verheerenden Folgen, und so wurde beschlossen, die Leiche eines Landsmanns vorzeitig freizugeben, damit der Boykott aufgehoben wurde. Der Versuch, pragmatisch und liberal mit der schrecklichen Realität umzugehen, wurde umgekehrt im benachbarten östlichen Ausland mit wütenden Attacken wegen des angeblich drohenden Untergangs des Abendlands beantwortet.

In anderen Bereichen war, trotz lang anhaltenden neoliberalen Drucks, um die Jahrhundertwende herum ebenfalls noch ein Rest Aufbruchstimmung vorhanden, etwa im Ausbau menschengerechter Alterspflege. Monika Stockers Sozialpolitik wurde dabei zuweilen von linker Seite bestritten, wie es eine Intervention an diesem Abend ansprach, etwa der Aufbau eines zweiten Arbeitsmarkts, dessen Löhne die normalen Mindestlöhne auszuhöhlen und die Unternehmen aus der Pflicht zur Integration behinderter Menschen zu entlassen schienen.

Auch auf ihren schwierigen Abgang 2008 kam Monika Stocker offen zu sprechen, als sensationalistisch über einzelne Betreuungsfälle berichtet wurde und sie sich nicht verteidigen wollte und konnte, weil sie es aus juristischen und ethischen Gründen ablehnte, Details einzelner Fälle offenzulegen - so wie sie auch den Namen jenes "Weltwoche"-Journalisten nicht nannte, der ihr unverhohlen angekündigt hatte, sie öffentlich fertig zu machen.

Sozialarbeit befindet sich seit längerem in der Defensive, wie es einige lebhafte Nachfragen und Interventionen aus der Praxis deutlich machten, und auch etliche Medienschelte ist, etwa bezüglich der Diskussion um die Kesb, nicht unberechtigt. Umso wichtiger sind solche Erinnerungen an zeitgenössische Alternativen.

sh

Monika Stockers "Mittendrin" und ihre anderen Bücher sind erhältlich unter Monika Stocker oder in der befreundeten Buchhandlung Nievergelt in Zürich-Oerlikon.


Dritter Zürcher Büchner-Tag

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"Georg Büchner in Oerlikon". Ein Rundgang
Sonntag, 16. Dezember 2018, 14 Uhr

Wo Büchner bei der Einreise nach Zürich 1836 die Pferde wechselte. Was Max Frisch zum Fremden und dem Fremden in der Stadt zu sagen hatte. Wie Max Bills geplantes Büchner-Monument aussah, und warum der Louis-Häfliger- Park in der Büchner’ schen Tradition steht.

Fürs ursprünglich geplante Datum, den 9. Dezember, war ein Sturm vom Paradiese her aufgezogen, so dass der dritte Zürcher Büchner-Rundgang auf Sonntag den 16. Dezember verschoben wurde, wo sich dann trotz frisch gefallenem Schnee zwei Dutzend Büchner-Fans auf den Weg machten. "Georg Büchner in Oerlikon", Fragezeichen? Ja, dazu gab es Etliches zu sagen, wie Stefan Howald zu belegen suchte, unterstützt durch die Rezitatoren Adrian Riklin und Armin Büttner und ergänzt durch lokales Wissen. Den kühlen Temperaturen trotzte man mittels einer Mischung von Originaltexten, historischen Fakten und Konjekturen, etwa bei der ehemaligen Binzmühle, wo Büchner sich womöglich vielleicht gestärkt hat, als er von Baden über die Lägern nach Zürich wanderte. Die Industrialisierung in Oerlikon wurde beim MFO-Park mit dem "Hessischen Landboten" unterlegt; zu erfahren war, was Max Frisch und Max Bill zu Büchner zu sagen hatten, und es gab Hinweise auf die Schwester des Dichters, Luise Büchner, eine bedeutende Frauenrechtlerin und Bildungsreformerin, sowie auf die Auftritte von Therese Giehse im "Woyzeck". Zu all diesen Beziehungen ist eine kleine Broschüre via den bücherraum f zu beziehen.

Bericht über den Rundgang von Stefan Howald


Geburtstagslesung

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Esther Spinner liest zu ihrem 70. Texte aus 40 Jahren
Freitag, 30. November 2018, 19 Uhr

Esther Spinner publiziert seit 1981 Romane, Kinderbücher und Anagramme. Sie ist Mitbegründerin von Femscript und der Anagramm-Agentur. Sie Arbeitet als Kursleiterin für kreatives Schreiben. Im Gespräch mit ihrer Kollegin Wanda Schmid erzählt sie von ihrem Schaffen.

Erstaunlich, wie viele Menschen in den bücherraum f hineingehen. Dreissig Minuten vor Beginn der Geburtstagslesung von Esther Spinner am 30. November waren unsere 25 Stühle ausgebucht, und eine Viertelstunde später waren auch die meisten Reserveklappstühle mit Beschlag belegt. Schliesslich hockte man auf dem Schreibtisch, einige kauerten der Autorin zu Füssen, auch die strategische Reserve der Rollhocker war längst eingesetzt, so dass der Schriftstellerin aus Schaffhausen nur noch der umgekehrte, immerhin gut gepolsterte Putzeimer angeboten werden konnte, ohne Sicht auf die Lesenden. Zusammen mit den beiden zuletzt eingetroffenen Besucherinnen, die an den Türpfosten der offen gebliebenen Tür lehnten, waren wir 64 Leute. Vierundsechzig.

Verena Stettler, die erste Verlegerin, erinnerte launig an die Anfänge der "Spinnerin" und daran, dass Esther Spinner wieder zu ihr, nämlich zur edition 8, zurückgekehrt sei. Danach folgte ein Zwiegespräch zwischen Wanda Schmid und Esther Spinner, weit reichend, alle Bücher beleuchtend, mit Anekdoten und ironischen Zwischenbemerkungen und Originaltexten durch Esther, entlang ihrer vielfältigen Produktion und ihrer Erfahrungen in verschiedenen Kulturen. Danach gab es Käse und Salsiz und Birnenbrot und Wein und Säfte und Blumen sowie ein kurzes bengalisches Feuer (die Feuerlöschdecke griffbereit); alle Frauen (und die wenigen dazwischen versprenkelten Männer) amüsierten sich ausgiebig, nach zehn Uhr verabschiedete sich die fröhliche Gesellschaft, mit dem Versprechen, gerne wieder zurückzukehren. Esther Spinner hat allen Teilnehmenden noch einen Dankesbrief geschickt.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde
wunderbar, dass ihr alle dabei gewesen seid an meiner Geburtstagslesung. Noch bin ich überwältigt von der Menge der Zuhörenden, von den Karten und Blumen und Buchgeschenken. Mein Stubentisch überquillt: Gedichtbücher, leere Bücher zum Dreinschreiben, Karten, Blumen, Wein und Taralli, Badener Steine und Kirschstängeli, Essenseinladungen. Mein Herz ist voll.
Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei Monika und Stefan, die den Bücherraum f für die Lesung zur Verfügung stellten, die Werbung organisierten und am Abend selbst Trittleitern und Hocker herbei zauberten, Tische unter Druckern hervorholten und am Schluss sämtliche Gläser wuschen und trockneten. Grossen Dank auch an Christine Mühlberger, deren Käse, Wurst und Früchtebrot einfach unglaublich gut schmecken, und an meinen Neffen Matthias, der den Wein ausschenkte und das Buffet betreute.
Ebenso grossen Dank an die wunderbar witzige Einführung von Verena Stettler und die wertschätzende Vorstellung meiner Bücher durch Wanda Schmid. Ihre Fragen konnte ich nicht immer beantworten, weil ich mich schlicht an vieles nicht mehr erinnere - doch da es sich ja um einen 70. Geburtstag handelte, wird man mir das nachsehen.
Euch allen danke ich ganz herzlich. Euer Dasein hat meinen Geburtstag zu etwas ganz Besonderem gemacht. Eure guten Wünsche werden mich begleiten. Auch ich wünsche euch alles Gute fürs alte und fürs neue Jahr.
Seid herzlich gegrüsst
Esther


ausgelesen

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Ruedi Küng (Publizist, InfoAfrica) stellt Bücher aus der Bibliothek vor
Montag, 19. November 2018, 19 Uhr

Der Publizist Ruedi Küng beschäftigt sich seit mehr als 35 Jahren intensiv mit Afrika. Einst Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz IKRK, war er zwölf Jahre lang Afrikakorrespondent von Radio SRF. Er hat in Uganda, Südafrika, Kenia und im Sudan gelebt und arbeitet heute mit InfoAfrica.ch selbständig als Afrikaspezialist.

Beim dritten "ausgelesen" am 19. November bot Ruedi Küng einen eloquenten, fulminanten Ritt durch die afrikanische Geschichte und die europäische Wahrnehmung Afrikas, anhand von Frauenromanen, etwa von Mariama Bâ und Ken Bugul, wobei er letztere Autorin aus persönlicher Kenntnis plastisch machen konnte und auch problematische Aspekte afrikanischer Gesellschaften wie die Polygamie thematisierte. Mit einem Buch von Louis Althusser (der so etwas wie ein Leitmotiv des bücherraums f wird) griff er tief in die eigene intellektuelle Geschichte zurück, inklusive dem Tondokument einer einstigen Radiosendung; danach skizzierte er das vielfältige Leben der Journalistin und Schriftstellerin Ruth Weiss, befürwortete anhand eines neuen Lehrkundebuchs über Afrika eine Haltung der Neugier und Unvoreingenommenheit, kam mit Elnathan John auf die aktuelle Situation in Nordnigeria zu sprechen und schwärmte schliesslich über ein nicht mehr erhältliches französischsprachiges Buch zu "Reines africaines", dessen deutsche übersetzung er als eigentlichen Skandal zu schildern verstand. Seine Ausführungen schloss er mit einem improvisierten Hinweis auf ein Buch, in dem sich Bier und Wandern aufs Schönste verknüpfen; und da er uns das Werk über die afrikanischen Königinnen überlassen hat, haben wir ihm unsererseits das Bierwanderbuch geschenkt.

Ruedi Küng hat uns zudem die Liste mit den genauen bibliografischen Angaben der zitierten sowie von weiteren nur kurz erwähnten Büchern zur Verfügung gestellt:

Mariama Bâ (1921-1981): "Une si longue lettre" (1979), deutsch "Ein so langer Brief. Roman eines Frauenschicksals" (1983)

dieselbe: "Un chant écarlate" (1981), deutsch "Der scharlachrote Gesang" (1982)

Ken Bugul (*1947): "Le Baobab fou" (1984), deutsch "Die Nacht des Baobab" (1985)

dieselbe: "Cendres et braises" (1994)

dieselbe: "Riwan ou le chemin du sable" (1999), deutsch "Riwan oder der Sandweg" (2016)

Louis Althusser (1918-1990): "Philosophie et Philosophie spontanée des savants" (1967), deutsch "über die Unterschiede und das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft" (1974)

Kirsten Rüther (*1966): "Afrika: genauer betrachtet" (2017)

Ruth Weiss (*1924): "Wege im harten Grass" (1994, erw. 2016)
Autobiografie der brillanten und erfolgreichen Wirtschaftsjournalistin und Autorin zahlreicher Bücher. Im Zuge der Judenverfolgung durch die Nazis in Deutschland emigrierte sie als Zwölfjährige mit ihrer Mutter und Schwester nach Südafrika zum Vater, der bereits zuvor emigriert war, und geriet in die von Rassenwahn gezeichnete Welt der Apartheid.

Christine von Garnier (*1942): "Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet" (1987), französisches Original "Namibie. Les derniers colons d'Afrique" (1987).
Autobiografie der Jahre 1967 bis 1987 der jungen Sozialwissenschaftlerin aus Neuchâtel, die der Liebe zu einem adligen Deutschen, dessen Eltern nach Südwestafrika ausgewandert waren, folgte und in eine Gesellschaft von Rassenüberheblichkeit, Apartheid und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung geriet.

Sylvia Serbin: "Reines d'Afrique et héroïnes de la diaspora noire" (2004).
Eine faszinierende Studie über "schwarze Frauen, die durch ihre Taten die Kämpfe der Menschheit unterstützt haben" (Widmung).

Dazu die betrübliche Geschichte der deutschen Ausgabe durch den Peter Hammer Verlag (2006). Diese missachtet und verfälscht durch einzelne, nicht als solche erkenntliche Zusatztexte und Illustrationen in nicht akzeptabler Weise die Aussagen der Autorin. Das deutschsprachige Buch musste auf Intervention der Autorin vom Markt genommen werden und ist auch in den online-Katalogen der schweizerischen Bibliotheken nicht vorhanden. Ein Exemplar war antiquarisch auffindbar und wird mit der unerlässlichen Information im bücherraum f greifbar sein.

Schlusspunkt:

Monika Saxer vom bücherraum f: "Bierwandern Schweiz. Der erfrischendste Weg, die Schweiz zu entdecken" (2014)

Erwähnt, nicht besprochen und nicht im bücherraum f vorhanden:

José Eduardo Agualusa (*1960): "A Rainha Ginga" (2015). über die Königin Nzinga, die im 16./17. Jahrhundert den portugiesischen Eroberern erfolgreich die Stirn bot. Nicht auf Deutsch übersetzt.

Wilfried N'Sondé (*1968): "Un océan, deux mers, trois continents" (2018). über die mühselige Reise von Nsaku Ne Vunda als diplomatischer Gesandter Dom Antonio Manuel der Bakongo nach Rom in den Vatikan. Papst Paul V hatte um die Entsendung eines Botschafters ersucht. Die Reise fand anfangs des 17. Jahrhunderts auf einem Sklavenschiff via Brasilien statt. Nicht auf Deutsch übersetzt.

Patrice Nganang (*1970): "Mont plaisant" (2011). über König Njoya des Bamum-Königreiches in West-Kamerun, der anfangs des 20. Jahrhunderts mit seinem Volk in die Kriegswirren der Kolonialmächte Deutschland, England und Frankreich geriet. Deutsch: "Der Schatten des Sultans" (2012).

derselbe: "Saison des prunes" (2013). über die sogenannten tirailleurs sénégalais, die im Zweiten Weltkrieg von den verfeindeten Mächten rekrutierten afrikanischen Soldaten. Charles de Gaules wollte nach Kriegsende keinen von ihnen an der grossen Parade auf den Champs Élysées dabei haben. Deutsch: "Zeit der Pflaumen" (2014)


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Jakob Tanner (Historiker) stellt Bücher aus der Bibliothek vor
Montag, 5. November 2018, 19 Uhr

Seit Jahrzehnten ein profilierter Autor und bis 2015 Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, befasst sich Jakob Tanner zurzeit unter anderem mit den beiden grossen Konfliktjahren 1918 und 1968, und dies nicht nur in der Schweiz. Seine "Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert" von 2015 ist mittlerweile ein Standardwerk.

Die Veranstaltung mit Jakob Tanner füllte den bücherraum f am 5. November wiederum ansehnlich, wobei sich eine Kontinuität im Buchuniversum herstellte, weil diesmal der Verleger anwesend war, der einst jenes Buch von Elisabeth Gerter wieder aufgelegt hatte, das Elisabeth Joris im ersten "ausgelesen" erwähnt hatte.

Jakob Tanner begann mit ein paar überlegungen zum Medium Buch als beweglich-unbewegliches Objekt und zu Bibliotheken; seine Auswahl (Frans Masereel / Marxens "Grundrisse der Kritik der politischen ökonomie" / Susan Sontag: "Krebs als Metapher" / Charlotte Brontë: "Jane Eyre" / Claudia Roth: "Urban Dreams" - als Geschenk an die Bibliothek) beschäftigte sich auch mit Bildern, Gemälden ebenso wie Metaphern; wie bei ihm gewohnt konnte er spielend Reflexionen über den sozialen Alltag mit deren theoretischer Aufarbeitung verbinden, und man könnte sogar als untergründiges Motiv herausarbeiten, wie sich eine kritische Haltung gewinnen lässt. Fragen entzündeten sich interessanterweise vor allem am Stichwort des esoterischen Marxismus, die Diktatur des Proletariats schwebte kurz durch den Raum, man kam aufs Verhältnis von Wirtschaft und Politik zu sprechen, und mit dem Hinweis auf Studien zu bullshit-jobs wurde sogar die unmittelbarste Aktualität in Form des verelendeten US-Mittelstands bzw. der weissen Arbeiterklasse gestreift, die sich bei den gleichentags stattfindenden mid-term-elections zumeist teilweise wieder von Trump abwandte.


ausgelesen

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Elisabeth Joris (Historikerin) stellt Bücher aus der Biblothek vor
Montag, 22. Oktober 2018, 19 Uhr

Elisabeth Joris, Historikerin und langjährige Aktivistin der Neuen Frauenbewegung, hat die im bücherraum f integrierte Bibliothek des Frauenzentrums seit den 1970er Jahren als Leserin von feministisch geprägter Theorie und Literatur genutzt. Neben den bahnbrechenden "Frauengeschichte(n)" von 1986 finden sich in ihren Büchern immer wieder "Tiefenbohrungen" im doppelten Wortsinn.

Im vollen bücherraum f liessen sich bei der ersten Veranstaltung in der neuen Reihe "ausgelesen" mindestens drei Oerlikon-Ansässige identifizieren, umgekehrt war eine Besucherin sogar aus Luzern angereist. Elisabeth Joris stellte eine knappe Stunde lang sachkundig und mit Verve sechs Bücher aus der Bibliothek vor, literarische ebenso wie Sachbücher, von Ute Gerhards Studie zu Frauenarbeit und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert bis zu Maryse Condés Roman "Segou", von Elisabeth Gerter und Ursula Isler bis Bridget Anderson. Ausgehend von der ursprünglichen eigenen Lektüre verstand sie es in handgreiflicher, taktiler Präsentation, die weitergehende Bedeutung der Bücher leuchtend zu vermitteln, ebenso historisch verortet wie mit aktuellen Bezügen. Daran schloss sich ein lebhaftes Gespräch, das sich vor allem um die St. Galler Textilindustrie drehte, von persönlichen Erfahrungen bis hin zur Editionsgeschichte von Gerters Roman "Die Sticker". Die Präsentationen von Elisabeth Joris wurden vom Zürcher Lokalradio Lora aufgezeichnet und sind dort als podcast zugänglich..


Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte

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eine Lesung von Ahima Beerlage
Montag, 1. Oktober 2018, 19 Uhr

Ahima Beerlage erzählt aus ihrem bunten, facettenreichen und oft turbulenten Leben als lesbische Feministin, Moderatorin, Queer-Party-Veranstalterin und Autorin. Beerlage, 1960 im Ruhrpott geboren, studierte in Marburg und zog 1987 nach Berlin. 1998 erschien der Roman "Sterne im Bauch".

Bei der ersten Veranstaltung im bücherraum f am 1. Oktober 2018 erfüllten rund dreissig Zuhörerinnen den Raum mit Leben und Kultur. Madeleine Marti, die die Lesung im Namen des Vereins Sappho vermittelt hatte, hielt eine schöne, präzise Einleitung; in der gut einstündigen Lesung aus ihrem Buch "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" gab Beerlage einen kurzweiligen Querschnitt durch ihre Sozialisierung und Politisierung, vom Ruhrpott in die glitzernde Queer-Szene in Berlin, plastisch die sich langsam liberalisierenden Zeitumstände schildernd, mit scharfem Auge und trockenem Humor, aber auch mit einiger Kritik an den sich verfestigenden Fraktionen innerhalb der LGBT-Bewegung in Berlin.


Eröffnung

Samstag, 8. September 2018


IMPRESSUM: Inhalt Verein bücherraum f, Webdesign: Monika Saxer